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Wir müssen damit aufhören, über pre-/postnatale Körper zu lästern

Noch nie wurde so viel am Körper modelliert und rumgemeckert wie heute. Wenn schon Kinder im Primarschulalter Diäten machen und sich noch vor der Pubertät zu dick oder zu wenig muskulös finden, läuft etwas schief. Wie gross aber ist dann der Druck für Mütter? Für Frauen, deren Körper ein kleines Wesen beherbergt hat, deren Brüste auf Milchproduktion und somit auf Fettabbau geschalten haben? Er ist gewaltig!

Ich bin mit 25 Mutter geworden. Das dankt mir mein Körper. Ich habe keinen einzigen Dehnungsstreifen und auch nicht lange gebraucht, um wieder auf mein altes Gewicht zu kommen. Ich kann mich glücklich schätzen. Trotzdem spüre auch ich ihn, den Druck, nach der Schwangerschaft wieder einen straffen Bauch zu haben und dieselben Yoga-Hosen wie früher zu tragen. Meinen alten Körper zurückzuerobern. Und das ist harte Arbeit. Aber ist sie wirklich nötig?

 

Zunächst einmal sollten wir uns bewusst machen, wer uns eigentlich diesen fiesen General ins Hirn setzt, der uns ständig anschreit: "Halt, Nein! Keine Pasta für dich heute Abend." und beim Blick in den Spiegel die Region des Selbsthasses stimuliert. Dieser General ist ein Geschwür, dass unser Leben lang immer dann ein wenig mehr gewachsen ist, wenn wir durch Frauenmagazine geblättert haben (Ist Kim Kardashian eigentlich schwanger oder nur fett? Schaut euch Heidi Klums Figur nach der Geburt an! Wahnsinn!), wenn unsere Mütter uns als Teenager empfohlen haben, nun doch lieber das Eis wegzulassen oder das pummelige Mädchen keinen Jungen abbekam und stattdessen als fettes Schwein bezeichnet wurde. Es ist nicht so, dass wir ein Gen hätten, was uns alle danach streben lässt, einen BMI im unteren Bereich zu haben. Tatsächlich ist es eine gesellschaftliche Konstruktion, dass vor allem Frauen eine insgeheime Pflicht zu erfüllen haben: Schön und schlank zu sein.

 

Mich macht das betroffen. Ich empfinde diesen gesellschaftlichen Druck, unter dem fast jede Frau leidet, als grosse Unfreiheit. Ich würde diese zwanghaften Gedanken gerne abstreifen, wie getrockneten Sand auf der Haut beim Schwumm im Wasser, aber Tatsache ist: Wir alle schleppen unsere Komplexe weiter mit uns herum. Es gilt also, den Schaden zumindest zu begrenzen. Und dazu gehört, sich und andere nicht mehr so gnadenlos zu bewerten. 

 

Wieso interessiert es uns so sehr, wieviel unsere Bürokollegin in der Schwangerschaft zugenommen hat? Wieso freut es uns sogar ein wenig, wenn sie die Kilos nicht gleich wieder herunterbekommt, wenn das Kind dann da ist? Hören wir damit auf, mit Freundinnen über die Bekannte zu tuscheln, die nach ihrer Schwangerschaft ihren weichen Bauch inklusive Streifen behält. Wir wissen doch selbst, wie schmerzhaft es sich anfühlt, versagt zu haben. Und hier liegt der springende Punkt: Hat unsere Freundin wirklich versagt, indem sie nicht mehr zu ihrem Körper zurückfindet, bevor dieser ein Menschenkind produziert hat? Unsere Sprüche und fiesen Sticheleien mögen uns kurzfristig besser fühlen machen, im Endeffekt nimmt dadurch aber nur der Druck für alle Frauen noch mehr zu. Wir müssen bei uns selber anfangen, wenn wir uns eine Welt wünschen, in der unsere Söhne und Töchter keine Angst haben müssen, aufgrund von körperlicher Individualität ausgelacht oder gehänselt zu werden. 

 

Seit ich mich bewusst darauf achte, andere Frauenkörper nicht mehr zu bewerten, merke ich, wie ich mir selber gegenüber toleranter geworden bin. Wie ich meinen Bauch so akzeptiere, wie er momentan aussieht, meinen Busen, der kaum mehr existent ist. Das alles ist jetzt mehr okay, denn ich gehe innerlich davon aus, dass ich so behandelt werde, wie ich andere behandle. Wie Innen so Aussen.